Das Bild der Diskussion über den Mindestlohn, das die Medien wiedergeben, suggeriert eine eindeutige Frontlinie. Auf der einen Seite stehen die Parteien des erweiterten linken Spektrums sowie die Gewerkschaften als Befürworter dessen Befürworter, während er vehement von den bürgerlichen Parteien sowie den Unternehmens- und Arbeitgeberverbänden bekämpft wird. Ein Riss geht inzwischen durch die Union, in der sich der Arbeitnehmerflügel inzwischen auf die Seite des Mindestlohns geschlagen hat und in dieser Frage mit dem Wirtschaftsflügel der Partei über Kreuz liegt. Auf der Suche nach Unternehmern hingegen, die sich für einen Mindestlohn aussprechen, finden sich mit den Herren Grupp und Prost lediglich zwei Patrone alten Schlages.
Deswegen finde ich es an der Zeit, zu betonen, dass die Arbeitgeber keineswegs diesen monolithischen Block der Mindestlohngegener bilden, als der sie überwiegend in den Medien dargestellt wird. Auch ich selbst sehe mich als selbständigen Unternehmer, der sich eindeutig für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn positioniert. Die Argumente der Gewerkschaften für diesen Mindestlohn sind inzwischen wieder und wieder vorgetragen worden, während andererseits nur wenige Arbeitgeber erklären wollten, was aus ihrer Sicht die Beweggründe sind, um eine faire Lohnuntergrenze per Gesetz zu ziehen.
Hier bei adaptare bekommen die Packer den von der SPD geforderten Mindestlohn von €7,50, jedoch als Nettostundenlohn. Für den Minijobber ist das kein nennenswerter Unterschied, jedoch fallen für jemanden, der mehr arbeitet, beachtliche Lohnnebenkosten an, die jedoch vollständig vom Arbeitgeber getragen werden. Den überraschten Reaktionen der künftigen Mitarbeiter, wenn sie zum ersten Mal von ihrem Verdienst erfahren, ist regelmäßig zu entnehmen, dass diese Bezahlung über dem Niveau liegt, das für solche einfachen Tätigkeiten üblich ist. Bedingt durch die Erfahrungen in anderen Unternehmen hatten sie bisher alle deutlich weniger erwartet und entsprechend gering ist auch unsere Fluktuation.
Löhne sind Kosten und Kosten können nicht gering genug sein. Doch ist diese Regel wirklich so einfach oder sind die ökonomischen Zusammenhänge nicht vielleicht doch ein wenig komplexer? Bei näherer Betrachtung sind Kosten erst dann zu groß, wenn sie nicht von den Umsätzen gedeckt werden. Wenn die Kunden also bereitwillig kaufen und Preise bezahlen, von denen die Kosten gedeckt werden, muss sich der Unternehmer wenig Gedanken um seine Kosten machen. Nach einem Jahrzehnt stagnierender, wenn nicht sogar sinkender Reallöhne hingegen kann von den Arbeitnehmern keine allzu große Kauffreudigkeit mehr erwartet werden. Anschaffungen werden hinausgezögert oder sogar komplett vermieden und wenn sie dann doch getätigt werden, wird penibel auf den Preis geschaut. Dies ist ein Klima, in dem der Einzelhandel zur Kostensenkung gezwungen wird, die zuallererst auf dem Rücken der Beschäftigten stattfindet. Eine stagnierende Binnenkonjunktur führt zu Lohnsenkungen und Lohnsenkungen ziehen ihrerseits eine weiterhin stockende Binnenkonjunktur nach sich. Wer wissen will, wer diese Abwärtspirale begonnen hat, landet unweigerlich bei der Frage nach der Henne und dem Ei. Ein Mindestlohn hingegen würde genau den Nachfrageimpuls auslösen, der die dann ohnehin nicht mehr legalen Minilöhne auch betriebswirtschaftlich überflüssig machen würde.
Löhne als Kosten stehen also immer in Relation zum Umsatz. Doch es gibt noch eine weitere Relation, nämlich die zu den Lohnkosten der Wettbewerber. Wer signifikant höhere Kosten zu schultern hat als sein direkter Konkurrent, sieht sich vor einem großen Problem und derjenige Unternehmer, der seine Mitarbeiter anständig behandelt und bezahlt, leidet unter einem echten Nachteil gegenüber einem anderen Abieter, der seine Angestellten mit Armutslöhnen abspeist. Zwar ziehen solche Firmen regelmäßig die mediale und öffentliche Kritik auf sich und erfahren ein gewisses Maß an Verachtung, doch muss dies noch lange keine handfesten Umsatzeinbußen nach sich ziehen. Das Kaufverhalten der Konsumenten richtet sich nicht unbedingt nach ihren moralischen Empörungen, sondern häufig genug nach dem kleinsten Preis. Dies geschieht dann unabhängig von den Umständen, unter denen er angeboten werden kann. Man will es vielleicht auch gar nicht so genau wissen.
Und genau hier entsteht dann das Problem für den Unternehmer, der bislang moralisch einwandfreie Löhne bezahlt hat. Wenn ihm nun aber die Aufträge ausbleiben, weil die Konkurrenz ihn durch Armutslöhne aussticht, muss er unweigerlich nachziehen und die Löhne drücken, um zu überleben. Doch gerade als kleiner Mittelständler, der seine Mitarbeiter noch persönlich kennt, ist dies leichter gesagt als getan. Gehört dieser Unternehmer auch noch zu der Sorte Mensch, der an einem fairen Miteinander interessiert ist und dem es nicht egal ist, was seine Angestellten über ihn denken, gestaltet sich die notwendige Senkung der Löhne schlicht unmöglich. Was nützt ihm die gesellschaftliche Anerkennung für sein Handeln gemäß dem Ideal des Ehrbahren Kaufmanns, wenn am Ende doch nur sein Wettbewerber überlebt, der vor keiner Übervorteilung zu Lasten seiner Belegschaft zurückschreckt.
Auch wenn dem Ehrbahren Kaufmann die Sympathien sicher sind, ist er als der Ehrliche der Dumme, solange es keine Lohnuntergrenze gibt. Die Verteilung der Umsätze folgt leider nicht zwingend der Verteilung der Sympathien und der Achtung der Verbraucher. Letztendlich kann nur der Mindestlohn verhindern, dass diejenigen Unternehmen den größten wirtschaftlichen Erfolg aufweisen, die ihre Preise mit den verachtenswertesten Methoden auf dem Rücken der von ihnen abhängigen Menschen erzielen.
Sicherliche ist diese Einteilung – hier die anständigen Unternehmer, die für den Mindestlohn sind, und dort die unanständigen, die ihn ablehnen – ein viel zu grobes Raster, um die Wirklichkeit widerzuspiegeln. Hinzu kommt, dass die Bedeutung des Begriffes vom anständigen Unternehmer im Ungefähren bleibt. Was er aber ungefähr meinen soll, ist der erwähnte Unternehmer, der ein gutes Verhältnis zu seinen Mitarbeitern hat, sie angemessen entlohnt und deswegen in Schwierigkeiten gerät, weil sein Konkurrent Hungerlöhne zahlt, billiger anbieten kann und sich so die Aufträge sichert. Es gibt sehr wohl Branchen, in denen dies so ist.
Es ist in Deutschland keineswegs notwendig, dass mehr und mehr Menschen in wirtschaftliche Unsicherheit und Armut gedrängt werden. Bis vor ungefähr zwanzig Jahren war dies ein Land, in dem Leben und leben lassen gegolten hat und die blanke Existenzangst weitgehend der Vergangenheit angehört hat. Inzwischen ist sie zurück. Dies ist nicht gut.